Old Books, new Tricks: Kompendium für Alphabeten
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von Massimo Pavese
- Design, Inspiration
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von Massimo Pavese
Kompendium für Alphabeten, Karl Gerstner, Arthur Niggli Verlag 1972
Zugegeben, dieses kleine, handliche Buch ist wohl eines der ältesten in meinem Regal. Es ist ein quadratisches Ding, 15 × 15 cm, japanische Bindung mit gefalzten nicht aufgeschnittenen Seiten - man blättert nach oben durch doppelte Lagen Papier. 180 Seiten, gesetzt in einer Schrift, die der Autor selbst entworfen hat: Die Gerstner-Programm. Gedruckt bei Arthur Niggli in Teufen, Appenzell. Schon bevor man eine Zeile liest, ist dieses Buch eine typografische Aussage. Das Format bricht mit jeder Buchkonvention. Und genau das ist der Punkt. Was dieses Werk nicht ist: Ein Designbuch mit Sammlungen schöner Schriften oder Handbuch zur Schriftkonstruktion.
Karl Gerstner (1930 - 2017) war Basler, Typograf, Werber, Maler, Systematiker. 1959 gründete er mit Markus Kutter die Werbeagentur Gerstner + Kutter, die 3 Jahre später mit dem Partner Paul Gredinger zur bekanntesten Werbeagentur GGK ihren Start aufnahm. Bis zu seinem Ausstieg aus der Werbebranche 1972 verantwortete Karl Gerstner mit unter Etats für Kunden wie Volkswagen, Ford, Oetker, IBM und Swissair. Mit dem Abschied aus der Werbung, findet er sein neues Wirkungsfeld im Verlagswesen. Neben zahlreichen Buchveröffentlichung wie diesem Kompendium oder dem Werk “Programme entwerfen”, übernimmt er die visuelle Leitung für die damaligen Neuerscheinungen der Magazine Impulse und Capital von Gruner + Jahr oder ist auf Ausstellungen der Museum of Modern Art vertreten.
Eigentlich wollte er nur einen lockeren Beitrag zum Thema Schrift mit Beispielen verfassen, entdeckte dabei aber,
” ...dass es jede Menge Literatur zum Thema *Schrift* gibt, aber kaum etwas Elementares wie *Systematik* .”
Eigentlich wollte er nur einen lockeren Beitrag zum Thema Schrift mit Beispielen verfassen, entdeckte dabei aber,
” ...dass es jede Menge Literatur zum Thema *Schrift* gibt, aber kaum etwas Elementares wie *Systematik* .”
Schrift und Sprache
Gerstner beginnt nicht beim Strich, sondern beim Laut.
Das erste Kapitel behandelt das Alphabet als Zeichensystem, die Leserichtung als kulturelle Konvention, die Schreibweise als Regelwerk. Seine Pointe: Schrift ist codierte Sprache. Jeder Buchstabe steht in einer doppelten Beziehung zu seinem Klang und zu seinem visuellen Nachbarn. Wer ein A neben ein V setzt, hat ein optisches Problem: Die Innenräume driften auseinander, sie sind aber auch ein phonetisches Paar. Beides gehört zusammen, beides ist Gestaltung.
Wie oft denke ich beim Setzen einer Headline über die phonetische Dimension nach? Praktisch nie. Ich achte auf Kerning, auf optische Balance, aber die Verbindung zum Gesprochenen ist aus meinem Arbeitsalltag verschwunden. Wahrscheinlich aus dem der meisten Designer, weil Text und Schrift Teil von Projektvorgaben sind. Gerstner trennt Schrift und Sprache nicht. Er macht ihre Verbindung zum Ausgangspunkt. Schrift bildet nicht einfach Sprache ab, sie formt sie mit.
Buchstaben selbst sind Zeichen für Laute. Die Leserichtung bestimmt, wie wir Hierarchien wahrnehmen. Die Schreibweise entscheidet, ob wir ein Wort als leise oder laut empfinden. Versalien schreien, Gemischtsatz spricht. Das ist keine Metapher, das ist Wahrnehmungspsychologie. Und es erklärt, warum Gerstner genau hier beginnt. Nicht beim Buchstaben als Form, sondern beim Buchstaben als Zeichen.
Buchstaben selbst sind Zeichen für Laute. Die Leserichtung bestimmt, wie wir Hierarchien wahrnehmen. Die Schreibweise entscheidet, ob wir ein Wort als leise oder laut empfinden. Versalien schreien, Gemischtsatz spricht. Das ist keine Metapher, das ist Wahrnehmungspsychologie. Und es erklärt, warum Gerstner genau hier beginnt. Nicht beim Buchstaben als Form, sondern beim Buchstaben als Zeichen.
Das Handwerk
Die Grundlagen von Werkzeug und Material im Schreibprozeß
Schrift ist gemacht. Sie entsteht durch kontrollierte, wiederholbare Handlungen. Gerstner behandelt den Prozeß und die Wiederholung als Grundprinzipien.
Ein Buchstabe ist ein konstruiertes Objekt. Der Bogen eines n reagiert auf die Grundlinie. Die Serife einer Times folgt einer Logik, die sich vom Schreiben mit der Breitfeder ableiten lässt. Auch wenn seit Jahrhunderten niemand mehr so schreibt. Handwerk heißt bei Gerstner: Material kennen, Regeln kennen, Werkzeuge kennen. Erst dann gestalten.
Gerstner war dabei kein Nostalgiker. Er beschreibt bereits 1972 das elektronische Setzen per Kathodenstrahlröhre: Buchstaben aus senkrechten „Pinselstrichen” gemalt, bis zu 10.000 pro Sekunde. Im Parameter „Wiederholung” stecke am meisten Dynamik, schreibt er, und skizziert ein System, in dem alles Wissen zentral gesammelt, laufend aktualisiert, auf regionale Speicherstellen verteilt und von jeder Person, unbegrenzt vielen gleichzeitig, zu jeder Zeit abrufbar ist.
Google, Wikipedia und Streaming in einem Absatz, in einem Typografie-Buch von 1972.
Google, Wikipedia und Streaming in einem Absatz, in einem Typografie-Buch von 1972.
Das Bild
Der Ausdruck von Buchstaben, Worten und Sätzen
Gerstner zerlegt die visuelle Erscheinung von Schrift in zwei Ebenen: Buchstaben-Bild und Satz-Bild.
Dazwischen das Wort-Bild, die Einheit, die wir beim Lesen tatsächlich erfassen. Für jede Ebene benennt er
die Parameter. Alle. Nicht einige...
Buchstaben-Bild: Duktus, Größe, Proportion, Stärke, Gestalt, Farbe, Klang, Helligkeit, Textur.
Satz-Bild: Dimension, Durchschuß, Figur, Grund, Placierung, Einheit.
Das ist keine Checkliste. Das ist eine Anatomie. Und als ich sie zum ersten Mal komplett gelesen habe, konnte ich nicht für jeden dieser Parameter sofort eine bewusste Entscheidung aus meiner letzten Arbeit benennen. Größe, Stärke, Satzart - klar. Aber der „Klang” einer Schrift? Die „Textur” eines Satzbildes? Das sind Dimensionen, die in keiner CSS-Property auftauchen!
Gerstner formuliert das Prinzip dahinter knochentrocken: Typografie ist ein System untereinander abhängiger Variablen.
Eine Garamond in 9 Punkt mit 12 Punkt Durchschuss erzeugt eine andere Textur als dieselbe Garamond in 14 Punkt mit 16 Punkt Durchschuss. Gleiche Schrift, völlig anderes Bild. Wer einen Parameter isoliert und die anderen dem Zufall überlässt, setzt keine Schrift — er füllt eine Fläche. Das ist unbequem. Nicht als Vorwurf an Laien, sondern als Frage an uns:
Wie viele dieser Parameter treffen wir bewusst und wie viele überlassen wir seit Jahren der Voreinstellung?
Satz-Bild: Dimension, Durchschuß, Figur, Grund, Placierung, Einheit.
Das ist keine Checkliste. Das ist eine Anatomie. Und als ich sie zum ersten Mal komplett gelesen habe, konnte ich nicht für jeden dieser Parameter sofort eine bewusste Entscheidung aus meiner letzten Arbeit benennen. Größe, Stärke, Satzart - klar. Aber der „Klang” einer Schrift? Die „Textur” eines Satzbildes? Das sind Dimensionen, die in keiner CSS-Property auftauchen!
Gerstner formuliert das Prinzip dahinter knochentrocken: Typografie ist ein System untereinander abhängiger Variablen.
Eine Garamond in 9 Punkt mit 12 Punkt Durchschuss erzeugt eine andere Textur als dieselbe Garamond in 14 Punkt mit 16 Punkt Durchschuss. Gleiche Schrift, völlig anderes Bild. Wer einen Parameter isoliert und die anderen dem Zufall überlässt, setzt keine Schrift — er füllt eine Fläche. Das ist unbequem. Nicht als Vorwurf an Laien, sondern als Frage an uns:
Wie viele dieser Parameter treffen wir bewusst und wie viele überlassen wir seit Jahren der Voreinstellung?
Für den Umgang mit diesem Parameterraum hat Gerstner eine Methode, die er bereits 1964 in Programme entwerfen beschrieben hat: Den morphologischen Kasten nach Fritz Zwicky (wie Gerstner Schweizer, aber Astrophysiker).
Im Kompendium findet sich diese Methode als konkrete Tabelle, angewandt auf Bild, Wort-Bild und Satz-Bild. Ein Inspirations-Board und Entscheidungsraster für alle, die mit System und ohne Eingebung mit Schrift arbeiten wollen.
Im Kompendium findet sich diese Methode als konkrete Tabelle, angewandt auf Bild, Wort-Bild und Satz-Bild. Ein Inspirations-Board und Entscheidungsraster für alle, die mit System und ohne Eingebung mit Schrift arbeiten wollen.
Die Funktion
Über die Lesbarkeit von Schrifttypen hinaus
Gerstner war kein Formalist, er kam aus der Werbung. Schrift muss gelesen werden. Lesbarkeit ist bei ihm keine ästhetische Kategorie, sondern eine funktionale: messbar, vergleichbar, optimierbar.
Sein Konzept der Integralen Typografie versteht die Gestaltung selbst als Bedeutungsträger. Die Grotesk sagt etwas anderes als die Fraktur - nicht inhaltlich, aber emotional-assoziativ.
Funktion heißt bei Gerstner auch: Blocksatz versus Flattersatz ist keine Geschmacksfrage, sondern eine Entscheidung mit Konsequenzen für Lesegeschwindigkeit, Wortabstand und Satzrhythmus.
Wenn man das verstanden hat, fällt es schwer, es wieder zu vergessen. Es verändert den Blick... auf Speisekarten in Script-Fonts, die niemand entziffern kann, auf Canva-Grafiken mit weißer Schrift auf pastellfarbenem Hintergrund, auf Slides, auf denen vier Schriften um Aufmerksamkeit konkurrieren. Das sind keine Geschmacksfragen, das sind funktionale Entscheidungen, die niemand als solche getroffen hat.
Ich sehe solche Versäumnisse bei Unternehmen, bei Wettbewerbern, in meinem Feed.
Funktion heißt bei Gerstner auch: Blocksatz versus Flattersatz ist keine Geschmacksfrage, sondern eine Entscheidung mit Konsequenzen für Lesegeschwindigkeit, Wortabstand und Satzrhythmus.
Wenn man das verstanden hat, fällt es schwer, es wieder zu vergessen. Es verändert den Blick... auf Speisekarten in Script-Fonts, die niemand entziffern kann, auf Canva-Grafiken mit weißer Schrift auf pastellfarbenem Hintergrund, auf Slides, auf denen vier Schriften um Aufmerksamkeit konkurrieren. Das sind keine Geschmacksfragen, das sind funktionale Entscheidungen, die niemand als solche getroffen hat.
Ich sehe solche Versäumnisse bei Unternehmen, bei Wettbewerbern, in meinem Feed.
Gerstner hätte nicht über „gut” oder „schlecht” geurteilt. Er hätte gefragt: Welche Funktion hat diese Schrift an dieser Stelle? Erfüllt sie die Funktion? Wenn nein — anderer Parameter, andere Wahl.
Der Ausdruck
Der Sinn von Schrift und warum man ihm nicht folgen sollte
Im letzten Buchkapitel geht es weniger um Systematik oder Zweckbestimmung von Schrift - mehr noch. Gerstner behandelt den Ausdruck nicht als Gegenpol zur Funktion, sondern als deren Erweiterung. Die Systematik hört nicht auf, wo das Experiment beginnt. Im Gegenteil: Gerade das Experimentelle braucht sie, um nicht im Beliebigen zu landen. Eine gebrochene Schrift ist ein kalkulierter Regelverstoß. Der Gestalter kennt die Norm und entscheidet sich, sie zu durchbrechen. Der Unterschied zwischen Ausdruck und Defekt liegt nicht in der Form. Er liegt in der Absicht.
FAZIT
Dieses Buch zeigt, wie wenig wir heute noch von Schrift wissen. Es liegt daran, dass eine ganze Schicht typografischer Grundlagen in den letzten Jahrzehnten leise abgetragen wurde. Zwischen dem, was Gerstner 1972 als selbstverständlich voraussetzte, und dem, was heute in der Praxis ankommt, klafft eine Lücke. Gerstners Systematik ist keine nostalgische Übung, es ist ein Prüfstein. Die Frage, die sie stellt, richtet sich an uns: An Designer, die glauben, Schrift zu können. Wissen wir, was wir tun? Oder überlassen wir es dem Zufall und nennen es Erfahrung? Gerstners letztes Kapitel über Ausdruck begnadigt wohlwollend alle Unwissenden und ist eine freundliche Erinnerung daran, dass Freiheit ohne Kenntnis keine Freiheit ist, sondern Zufall.
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